Gedanken
Uns geht's gut, nur den anderen nicht
Öztürk ÖZ20. Oktober 20264 Min. Lesezeit

Uns geht's gut, nur den anderen nicht
Frag einen Österreicher, wie es ihm geht. „Muss ja." Mehr kriegst du nicht, denn mehr wäre Angeberei. Frag ihn dann, wie es dem Land geht, und er legt los, als hätte er den ganzen Tag darauf trainiert. Hat er wahrscheinlich auch.
Die Zahlen sind eine Frechheit, und zwar uns gegenüber. Je nach Umfrage sind zwischen zwei Dritteln und neun von zehn Menschen hier mit ihrem Leben zufrieden, das Eurobarometer kommt Ende 2025 auf 88 Prozent. Gleichzeitig sehen laut Ipsos im April 2026 knapp drei Viertel das Land auf dem falschen Weg, und 85 Prozent finden die Wirtschaftslage schlecht. Im November davor lag der Wert für den falschen Weg bei 79 Prozent, im Schnitt der anderen befragten Länder bei 61. Wir haben Wohnung, Arzt, Sicherheit und ein Sozialnetz, das andere Länder nur aus dem Prospekt kennen, und sind trotzdem sicher, dass der Karren morgen im Graben liegt. Im Jammern auf hohem Niveau sind wir Weltspitze, und die Spitze ist hier ziemlich gut besucht.
Jetzt wird es lustig. In einer großen ORF-Umfrage vom Frühjahr 2024, über 90.000 Teilnehmende, gewichtet, aber laut ORF nicht repräsentativ, waren rund sieben von zehn mit der eigenen Lage zufrieden. Nur knapp die Hälfte glaubte, dass die Bevölkerung insgesamt zufrieden ist. Und mehr als vier von fünf sagten, der Zusammenhalt lasse nach, immer mehr Menschen schauten nur noch auf sich.
Lies den letzten Satz noch einmal. Mehr als vier von fünf Österreichern beklagen, dass die Österreicher nur noch an sich denken. Wer das sein soll, bleibt offen. Offenbar eine kleine, sehr fleißige Minderheit, die uns den Zusammenhalt wegfrisst, während der Rest brav zusammenhält, und zwar am Stammtisch, gegen die, die es nicht tun.
Meine Deutung: Das Raunzen ist kein Notruf, es ist Buchhaltung. Wer wenig hat, fürchtet den Absturz kaum, er sitzt schon unten. Wer viel hat, rechnet. Reicht die Pension? Wer pflegt mich? Kommt der Arzttermin noch vor 2030? Der Österreicher leidet nicht, er inventarisiert, was ihm gehört, und sucht den, der es ihm wegnehmen könnte. Bis dahin ist Raunzen die bequemste Form von Politik: Es kostet nichts, ändert nichts und fühlt sich trotzdem nach Haltung an.
Und dann kommt der Wahltag. 2024 wurde die FPÖ mit knapp 29 Prozent erstmals stärkste Kraft. Ob diese Zufriedenheit und diese Wahl etwas miteinander zu tun haben, beweist keine Zahl. Ich vermute es. Wer gut sitzt und dem Land nichts mehr zutraut, wählt den, der einen Zaun um den Garten verspricht. Zäune waren schon immer beliebt bei Leuten, die viel Garten haben.
Bemerkenswert ist, wohin die Sorge läuft. Im selben Ipsos-Ranking sorgt die Zuwanderung 36 Prozent, Armut und soziale Ungleichheit 21. Die Sorge vor Kriminalität liegt bei 28 Prozent, unter dem Schnitt der Vergleichsländer von 31. Wir fürchten also eher den Mann am Nebentisch als die Schere zwischen Arm und Reich. Ich lese das so: Ein Schuldiger mit Gesicht ist angenehmer als ein System ohne. Auf „die da oben" und „die Fremden" kann man zeigen. Die Verteilung von Vermögen kann man nur ausrechnen, und gerechnet wird bei uns bekanntlich nur, wenn es um die eigene Pension geht.
Dabei wüsste jedes Kind die Lösung, und ich brauche dafür keine Studie. Eine Hand klatscht nicht. Was ein Einzelner in einem Jahr nicht schafft, bauen hundert Leute in einem Bruchteil der Zeit. Geht es meinem Nachbarn gut und meiner Stadt auch, geht es mir besser. Geht es beiden schlecht, wohne ich irgendwann in einem schönen Haus an einer leeren Straße, in der auch der Bäcker zugesperrt hat, weil die Menschen weggezogen sind. Dafür braucht man keine Ideologie, Kopfrechnen reicht.
Trotzdem ziehen wir den Kreis des „Wir" immer enger. Erst zählen nur die Staatsbürger, dann die, die schon länger da sind, am Ende die eigene Familie. Wir verkleinern das Boot, damit es nicht voll wird, und wundern uns dann, dass keiner mehr mitrudert.
Ich nehme mich da nicht aus. „Muss ja" rutscht auch mir schnell heraus.
Vom Propheten Muhammad Mustafa, sallallahu alaihi wasallam, ist überliefert, dass er seine Finger ineinander verschränkte und dabei sagte, der Gläubige sei für den Gläubigen wie ein Bauwerk, dessen Teile einander festigen (Sahih al-Bukhari 481, Sahih Muslim 2585). Gesagt ist das über Gläubige, und so lasse ich es stehen. Mich beschäftigt das Bild: Eine Mauer, deren Steine einander halten, braucht keinen Zaun, damit sie steht.
Wenn neun von zehn zufrieden sind und jeder glaubt, die anderen seien es nicht, wer wohnt dann eigentlich in dem Land, dem es so schlecht geht?