Gedanken
Ja gesagt, nichts gewonnen
Öztürk ÖZ03. November 20265 Min. Lesezeit

Ja gesagt, nichts gewonnen
Caro, Michigan, ein Town Hall. Mitten im Saal ruft ein Mann dem demokratischen Senatskandidaten Abdul El-Sayed zu, ob er sich von der Muslimbruderschaft distanziere. Ich habe das Video gesehen und den Kopf geschüttelt.
Mich beschäftigt weniger die Frage als das, was danach kommt. El-Sayed antwortet sofort: „Sure. Yeah, absolutely." Dann fragt er, warum der Mann das überhaupt wissen will. Frage gestellt, Frage beantwortet, könnte man meinen. Sein republikanischer Gegner Mike Rogers behauptet trotzdem, er habe sich nicht distanziert. Gut eine Woche später steht Donald Trump in Port Huron auf der Bühne und nennt ihn ein „jihadist Muslim Brotherhood member". PolitiFact findet dafür keinen Beleg und vergibt die schlechteste Note der Skala. Belege für eine Mitgliedschaft oder ein Treueversprechen gibt es auch laut Bridge Michigan nicht.
Das ist der Teil, den ich nicht abschütteln kann: ein Beweis, der nichts beweist. Schauen wir uns die Frage genauer an. Sagt er Nein, hat er gestanden. Sagt er Ja, hat er eben gelogen, so wie Lügner das tun. Schweigt er, hat er etwas zu verbergen. Das ist keine Frage. Das ist ein Urteil mit Fragezeichen am Ende.
Meine Deutung: Wer sich distanzieren muss, wird dadurch erst zum Verdächtigen. Die Aufforderung ist schon die Anklage. Das Ja ist dann kein Freispruch, es ist die Bestätigung, dass man sich verteidigen musste. Ein Misstrauen, das sich durch nichts widerlegen lässt, ist keine Vorsicht. Es ist ein Vorurteil mit Notausgang.
„Man wird ja wohl noch fragen dürfen", heißt es dann. Ja, man darf. Nur zählt die Antwort dann bitte auch. Wer fragt und die Antwort nicht gelten lässt, fragt nicht. Er verhört. Und was er im Verhör verlangt, ist keine Auskunft, es ist ein Blick ins Herz. Den kann kein Kandidat liefern, kein Nachbar, kein Kollege. Prüfen kann man Taten: Abstimmungen, Spenden, Auftritte, Gesetze. Dafür gibt es Wahlen. Das Herz gehört nicht dazu.
Als Muslim kenne ich diese Szene aus den Quellen, und sie ist über 1400 Jahre alt. Usama ibn Zayd, radiyallahu anhu, ein junger Gefährte, war mit einer Truppe gegen die Huraqa unterwegs, einen Teil des Stammes Juhaina. Er und ein Mann der Ansar holten einen Krieger der Gegenseite ein. Der Mann sprach: „La ilaha illallah." Der Ansari ließ von ihm ab. Usama stach ihn nieder. Zurück in Medina fragte ihn der Prophet Muhammad Mustafa, sallallahu alaihi wasallam, ob er ihn getötet habe, nachdem er das Glaubensbekenntnis gesprochen hatte. Usama verteidigte sich: Der Mann habe es nur aus Angst vor der Waffe gesagt. Die Antwort des Propheten, sinngemäß: Hast du sein Herz aufgespalten, um zu wissen, ob er es ernst meinte? Er wiederholte seine Frage so oft, dass Usama sich wünschte, er wäre erst an diesem Tag Muslim geworden (Sahih al-Bukhari 4269 und 6872, Sahih Muslim 96).
Man muss sich die Lage vorstellen. Kein Wahlkampf, kein Town Hall, kein Mikrofon. Ein Schlachtfeld, ein Speer, ein Mann, der um sein Leben spricht. Und Usamas Verdacht war nicht aus der Luft gegriffen. Der Prophet ließ ihn trotzdem nicht gelten. Das Bekenntnis zählte, obwohl niemand es nachprüfen konnte. Ich lese darin: Wer eine Aussage verwirft, weil er das Innere des anderen nicht kennt, maßt sich einen Blick an, der ihm nicht gehört. Ein Hadith ist kein Wahlprogramm, ich übertrage das Prinzip und nicht den Fall. Aber das Prinzip ist deutlich genug.
Zurück nach Michigan. Dort glaubt ein Mann im Saal, er dürfe von einem Politiker mit Mikrofon verlangen, was der Prophet einem Gefährten im Krieg als Anmaßung vorgehalten hat. Und das Wort des Politikers, der nichts zu fürchten hat als Wähler, soll weniger gelten als das eines Mannes unter dem Speer. Wer sich an dieser Stelle auf Vorsicht beruft, kann sich ja fragen, ob er Usama beigesprungen wäre. Wer danach noch fragt, ob einer es wirklich meint, steht auf dem Stand von Usama, bevor der Prophet gesprochen hat.
Und dann dreht El-Sayed den Spieß um. Er fragt den Mann, ob er sich von jedem Versuch distanziere, religiöse Lehren in die Gesetze des Landes hineinzulesen. Der Mann sagt: „I do not." Das Nein hat ihn nichts gekostet. Das Ja von El-Sayed hat ihm nichts gebracht. Zwei Antworten, zwei Maßstäbe. Der Saal verabschiedete den Fragesteller im Sprechchor.
Ich benutze für so etwas immer dasselbe Bild. Ein Fußballstadion, 60.000 Plätze, ausverkauft. Hundert Hooligans beschimpfen einen Spieler aufs Übelste. Die anderen 59.900 dulden es, manche lassen sich sogar anstecken. Würden sie sich einmal gemeinsam umdrehen und die Hundert nur böse anschauen, wäre in Minuten Ruhe. In Caro hat das funktioniert. Ein Saal hat gereicht. Eine Woche später standen in Port Huron über 4.000 Menschen vor Trump, und manche riefen „Verräter", wenn El-Sayeds Name fiel. Das Stadion also, wie gehabt.
Dabei kennen wir die Schubladen alle. Der Schwarze dealt, der Pole stiehlt, der Muslim bombt, der Jude frisst Kinder. Jeder sagt, er habe sie nicht. Das Praktische an einem Vorurteil: Man muss es nicht begründen. Der andere muss es widerlegen, und zwar jedes Mal, vor jedem Publikum.
Fairerweise gehört dazu: Die Muslimbruderschaft gibt es wirklich. Die USA haben im Januar ihre Ableger in Ägypten, im Libanon und in Jordanien als Terrororganisationen eingestuft. Das ist eine Frage an Regierungen und Gerichte. Gestellt wird sie einem in Michigan geborenen Kandidaten, der als Kind bei Vater und Stiefmutter aufwuchs. Seine Eltern trennten sich, als er drei war. Reporter fanden Tweets seiner Halbschwester, nach denen die gemeinsame Mutter in den frühen Siebzigern in Ägypten in der Bruderschaft aktiv gewesen sei. Er soll sich also für das verantworten, was seine Mutter vor über fünfzig Jahren getan haben soll. Ich vermute, dieses Modell von Verantwortung gilt nur bei bestimmten Nachnamen. El-Sayed selbst erinnert an Kennedy, den man als Katholiken fragte, wem er folge, dem Papst oder der Verfassung.
Bleibt die Frage, warum niemand einschreitet. In den USA schützt die Verfassung selbst falsche Aussagen über Politiker weitgehend. Wer klagen will, muss beweisen, dass der Sprecher wusste oder grob fahrlässig ignorierte, dass sie falsch sind (Times v. Sullivan, 1964). Das ist Absicht, und es gilt für alle Seiten. Wo das Gesetz die Pöbelei schützt, bleibt nur der Saal.
Ein Wort noch zum Dienst am Land, den ein Muslim angeblich erst nachweisen muss. El-Sayed war Gesundheitsdirektor von Detroit und leitete später die Gesundheitsbehörde im Wayne County. Es kann sein, dass er dem Land damit mehr gedient hat als mancher, der aus der Sitzreihe fragt. Ob es so ist, weiß ich nicht. Ich weiß nur, wer von beiden bisher Rechenschaft abgelegt hat.
Am 3. November wählt Michigan. Wie es ausgeht, steht nicht in diesem Text. Die Frage, die bleibt, geht auch an mich: Wann habe ich zuletzt hingesehen, wenn im Stadion einer gepöbelt hat?