Gedanken

Der Burger, der Tesla und die Rüstung

Der Burger, der Tesla und die Rüstung Ein ganz normaler Dienstagabend. Ein Mann steigt in seinen Tesla und fährt zu McDonald's. Er bestellt einen Burger und eine Cola. Unterwegs hat er mit seinem iPhone telefoniert, jetzt liegt es neben dem Tablett. An den Füßen trägt er Nike. Im Radio liefen auf dem Weg die Nachrichten: wieder Krieg, wieder Tote. Er hat heute nichts Böses getan. Er hat gearbeitet, eingekauft und gegessen. Ich will diese Szene auseinandernehmen, und zwar nicht, um ihn anzuklagen. Ich sitze selbst in ihr. Was im Radio lief Je nach Zählweise sind es rund 50 bis 60 Konflikte weltweit. Die Konfliktforscher von ACLED zählen für den Zeitraum Dezember 2024 bis November 2025 rund 205.000 Gewaltereignisse und über 240.000 Tote. Sie führen 50 Konflikte in ihrer Rangliste der schwersten. Das Uppsala Conflict Data Program zählt für 2024 insgesamt 61 staatsbasierte bewaffnete Konflikte. Das sind verschiedene Zählweisen und Zeiträume, die ich nicht gleichsetze. Zwei Kriege sind es jedenfalls nicht. Waffen fallen dabei nicht vom Himmel. Laut SIPRI kamen von 2020 bis 2024 rund 43 Prozent aller Waffenexporte aus den USA. Die fünf größten Exporteure, also USA, Frankreich, Russland, China und Deutschland, liefern zusammen etwa 70 Prozent. Größter Importeur war in dieser Zeit die Ukraine, dahinter folgen Indien, Katar, Saudi-Arabien und Pakistan. Wer in den Aktionärslisten steht Jetzt zurück zum Parkplatz. Wem gehören die Firmen, bei denen er gerade eingekauft hat? Ich habe in die Aktionärslisten eines Datenanbieters geschaut, Stand Anfang Oktober 2026. Bei Apple hält BlackRock knapp 8 Prozent, bei McDonald's rund 7,8, bei Coca-Cola 7,5, bei Nike 5,5 und bei Tesla 5,4 Prozent. Dahinter steht jeweils State Street mit 3 bis gut 5 Prozent, und Vanguard, das in den Listen unter mehreren Gesellschaften geführt wird. Und jetzt die Firmen, die die Waffen bauen. Bei RTX hält BlackRock 8,2 Prozent, State Street 7,1. Bei Northrop Grumman liegt State Street bei 9,3 und BlackRock bei 8,3. Bei Lockheed Martin standen im Proxy-Statement 2026, mit Stand Ende 2023 und damit nicht aktuell, State Street mit 14,9, Vanguard mit 8,9 und BlackRock mit 7,4 Prozent. Bei Rheinmetall meldete BlackRock im Februar 2024 insgesamt 5,56 Prozent, davon 5,07 als Stimmrechte. Dieselben drei Namen, in der Burgerbude wie in der Raketenfabrik. Ich will sauber bleiben. Das ist kein Beweis für eine Verschwörung. Die drei Verwalter sind fast überall dabei, weil sie Indexfonds anbieten, und in diesen Fonds liegt das Geld von Millionen Sparern. Mein Burger-Euro landet auch nicht bei Lockheed, sondern bei McDonald's. Aber genau darin liegt der zweite Blick: Hinter Konsumkonzernen und Rüstungsfirmen steht dieselbe Eigentümerschicht: dieselben Vermögensverwalter und, über deren Fonds, dieselben Sparer. Läuft die Kundschaft bei Burger, Cola und iPhone gut, steigen tendenziell die Kurse, und die Fonds, die diese Aktien halten, halten im selben Korb Lockheed, RTX und Northrop. Man muss kein Kriegsgewinnler sein, um in einer Struktur zu stecken, in der Alltag und Rüstung im selben Depot liegen. 2025 legte der MSCI World Aerospace and Defense Index netto in US-Dollar um 52,5 Prozent zu, der MSCI World als Ganzes um 21,1 Prozent. Ob der Krieg der Grund dafür ist, belege ich nicht. Ich lege die Zahlen nebeneinander. Wie kommt Lockheed neben Apple in dasselbe Depot? Ein Indexfonds wählt keine Firmen aus. Er bildet eine Liste nach und kauft alles, was darin steht, im Verhältnis zur Größe. Der MSCI World enthält auch die Rüstungsbranche, sonst gäbe es dafür keinen eigenen Teilindex. Wer einen Welt-ETF besitzt, hat Apple und Lockheed im selben Fonds, ohne je eine der beiden Aktien ausgesucht zu haben. Das ist keine Nachlässigkeit der Sparer, sondern die Idee dahinter: breit streuen und nicht entscheiden. Entschieden wird trotzdem, nur woanders, etwa bei den Abstimmungen auf den Hauptversammlungen, und die laufen über die Verwalter. Es gibt Fonds, die Rüstungsfirmen ausschließen. Wer nicht gezielt danach sucht, kauft sie nicht. Wer einen Weltindex kauft, sagt damit nicht Ja zum Krieg. Aber sagt er Nein? Nicht jede Marke passt übrigens in dieses Bild. Bei BMW halten Stefan Quandt und Susanne Klatten zusammen rund 46 Prozent. Wer BMW fährt, stützt vor allem zwei Familien. Das ist ein anderes Thema. Und ich selbst Ich bin Kunde bei Revolut und N26, habe einen Kredit bei der Easybank und investiere in Kryptowährung. Ich habe mir das angesehen und gemerkt, wie wenig ich darüber weiß, wohin mein Geld tatsächlich fließt. Ein Konto, ein Kredit und ein Fonds sind wirtschaftlich verschiedene Dinge, und ich kann nicht sagen, was davon in welcher Form mit Rüstung zu tun hat. Meine Deutung Ich halte das für die Bauweise des Systems. Wer viele Waffen importiert, sieht stark aus, wird aber abhängig vom Lieferanten, und wer abhängig ist, verhandelt nicht auf Augenhöhe. Die Gewinner stehen vorher fest, und die Verlierer auch. Zu den Verlierern zähle ich den kleinen Mann, der gegen den Krieg demonstriert und ihn im Alltag mitträgt, ohne es zu wissen. Das ist meine Deutung. Sie stützt sich auf die Logik der Abhängigkeit, nicht auf ein Dokument. Zurück auf den Parkplatz Im Qur'an heißt es in Sure 5, Vers 2 sinngemäß: Helft einander zum Guten und zur Gottesfurcht, aber helft einander nicht zur Sünde und Übertretung. Ich lese diesen Vers nicht als Urteil über andere. Ich lese ihn als Frage an mich: Wobei helfe ich eigentlich, auch wenn ich es nicht merke? Der Mann auf dem Parkplatz steckt sich die letzten Pommes in den Mund und steigt wieder in sein Auto. Er schaltet das Radio an. Wieder Krieg. Diesmal hört er anders hin. Er kann ihn nicht beenden. Aber er stellt jetzt andere Fragen. Nur eine davon bleibt unangenehm: Was ändert Wissen, wenn sich am Einkaufen nichts ändert?