Gedanken
Abschreiben erlaubt
Warum muss jede Bildungsreform neu sein, wenn anderswo längst etwas funktioniert?
Öztürk ÖZ22. September 20263 Min. Lesezeit

Abschreiben erlaubt
Ich lese in den Ferien ein Buch über Didaktik, als die neuen PISA-Zahlen auf meinem Handy aufleuchten. Österreich beim Lesen wieder gesunken, in Mathematik auch. Ich werde also gerade dafür ausgebildet, ein System zu reparieren, das sich seit zwanzig Jahren mit großer Energie nach unten reformiert.
PISA misst Fünfzehnjährige. In Wahrheit misst die Studie die Erwachsenen. Sie zeigt auf einen Blick, welches Land seine Hausaufgaben gemacht hat und welches ein Strategiepapier darüber geschrieben hat, dass es demnächst seine Hausaufgaben machen wird.
Die Zahlen von 2025 sind eindeutig. Im Schnitt der OECD ist die Lesekompetenz auf den tiefsten Stand gefallen, seit es die Studie gibt. Österreich verliert beim Lesen dreizehn Punkte, in Mathematik zehn. Gut ein Viertel der Jugendlichen erreicht nicht einmal das Mindestniveau. Bildungsminister Christoph Wiederkehr nennt das „Licht und Schatten" und verweist darauf, dass Österreich weiter über dem OECD-Schnitt liege. Das stimmt. Nur liegt es dort vor allem, weil die anderen noch schneller sinken. Der Größte in einem Raum voller Menschen, die in die Knie gehen, ist auch nicht groß.
Und der Reflex? Nach jedem Absturz kommt die nächste Reform. Chancenbonus, Sommerschule, Deutschförderung, und jetzt die Erkenntnis, man solle die Digitalisierung „später und besser" angehen. Man hat also erst jedem Zehnjährigen ein Tablet in die Hand gedrückt und Jahre danach entdeckt, dass das vielleicht keine gute Idee war. Für diese Einsicht hätte ein Blick über den Gartenzaun gereicht.
Denn während fast alle sinken, steht ein Land seltsam ruhig da. England hält beim Lesen und in Mathematik, in den Naturwissenschaften legt es sogar zu, gegen den Trend, an dem die halbe OECD zerbricht. Wie? England hat das eine getan, das in jedem Klassenzimmer streng verboten ist. Es hat abgeschrieben.
Es schaute an die Spitze der Tabelle, nach Singapur und Shanghai, und nahm sich deren Mathematik. Es entschlackte den Lehrplan auf das Wesentliche und führte den „Mastery"-Ansatz ein, bei dem ein Thema so lange gemeinsam geübt wird, bis es jedes Kind kann, bevor die Klasse weitergeht. Es schickte Lehrer nach Shanghai und holte Shanghaier Lehrer ins Land. Es kaufte übersetzte chinesische Schulbücher, in denen die Übersetzer nur das Währungszeichen von Renminbi auf Pfund tauschten. 41 Millionen Pfund, 8.000 Grundschulen. Keine neue große Theorie. Abschreiben, anpassen, fertig.
Hier liegt der zweite Blick. In der Schule bestrafen wir das Kind, das abschreibt. In der Bildungspolitik ist die Weigerung, abzuschreiben, der eigentliche Fehler. Der deutschsprachige Raum hat kein Wissensproblem. Das Rezept ist öffentlich, belegt, getestet, es liegt seit Jahren auf dem Tisch. Er hat ein Stolzproblem.
Denn jedes Land will seine eigene Reform, mit eigenem Namen und eigener Broschüre. „Wir haben von England abgeschrieben, das von Singapur abgeschrieben hat" gewinnt keine Pressekonferenz. Also erfindet man das Rad lieber alle paar Jahre neu, etwas eckiger als zuvor, und nennt das Ergebnis Innovation.
Damit sind wir bei der eigentlichen Frage: Sagen die Bedingungen, die ein Land schafft, etwas über die Bildung seiner durchschnittlichen Jugendlichen aus? Sie sagen alles. Man muss die Testaufgabe gar nicht kennen. Es genügt zu sehen, was ein Land tut, wenn die Zahlen fallen, ob es das Bewährte kopiert oder ein weiteres Konzept schreibt. Das eine zieht die Kurve nach oben. Das andere produziert die nächste Pressekonferenz mit dem Wort „Licht und Schatten".
Das Buch, das ich in diesen Ferien lese, steckt voller kluger Methoden. Kaum eine davon ist neu, fast jede hat sich anderswo bewährt, bevor sie es zwischen zwei Deckel geschafft hat. Mir wäre so eine erprobte Methode, einem Klügeren abgeschaut, immer lieber als eine selbstgebastelte, die vor allem unserer Originalität schmeichelt. Die Stoiker, bei denen ich gern nachlese, hielten es nicht für eine Schande, vom Besseren zu lernen. Die Schande beginnt erst dort, wo einer auf seinem eigenen Weg beharrt, während ihm der Boden unter den Füßen wegbricht. Vielleicht ist die erste Reform, die wir brauchen, ein einziger Satz, in roter Schrift über jedem Bildungsministerium: Abschreiben erlaubt.